FAZ – Der Aromensucher

von Jacqueline Vogt, Frankfurt, 09.07.2016

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Mangostan, Kolanuss und Yuzu: Vor 14 Jahren hat sich Ingo Kniepert als Lieferant von Exotika für die Getränkeindustrie selbständig gemacht. Der Anfang war nicht leicht, heute gehen die Geschäfte des Frankfurter Unternehmens gut.

Kunden, die bei Ingo Kniepert klingeln, lässt er in seinem Besprechungszimmer gerne so Platz nehmen, dass sie dort in den verglasten Kühlschrank gucken können. Flaschen sind darin, Tetrapaks und Plastikbecher, abgefüllt von Kleinstproduzenten wie The drinking Ape, von Aufsteigern wie True Fruits oder von Größen der Lebensmittelbranche wie Danone und der Molkerei Bauer. Mindestens eine der in den Limonaden, Säften, Smoothies und Joghurts enthaltenen Zutaten hat Kniepert den Herstellern geliefert, für manche der Produkte haben seine Mitarbeiter die Rezepturen entwickelt. Für Knieperts Beruf hat ein privater TV-Sender, als der einmal über ihn berichtet hat, den Begriff Fruithunter benutzt. Ein erfundenes Wort, pseudo-englisch, glamouröser als die umständlich-korrekte Bezeichnung „Inhaber einer Firma, die Extrakte tropischer Früchte importiert“, die zudem noch den Nachteil hat, nicht einmal alles abzubilden, was Tropextrakt und das Tochterunternehmen Tpxdrinks tun.

Pinke Guaven, die Früchte des Cupuaçu-Baumes und der Cashew-Apfel

Das Amazonasbecken und die Anden, Brasilien, China, Vietnam: In Knieperts Terminkalender stehen die Fernwehziele dieser Erde, er bereist sie regelmäßig, weil dort wächst, was er importiert. Er arbeitet ohne Zwischenhändler, ist immer auf der Suche nach Früchten, die hierzulande noch unbekannt sind. Vor nicht allzu langer Zeit war er im Auftrag eines bayerischen Limonadenherstellers in Brasilien, mit der Aufgabe, für ein neues Produkt einen neuen Geschmack zu entdecken. Kniepert fand ihn in der Frucht Guanabana, nach Recherchen in Strandbars und auf lokalen Märkten und dem Besuch eines nur noch ein paar hundert Mitglieder zählenden Indianerstammes.

Knieperts Reisen („ohne könnte ich nicht leben“) verlaufen mitunter abenteuerlich, auf unbefestigten Straßen. Seine Firmenräume im Frankfurter Ostend sind hell, weitläufig, unspektakulär: Büros und ein Labor auf einer Etage im fünften Stock des Gemini-Hauses an der Hanauer Landstraße. Der denkmalgeschützte Bau, entstanden um die Wende zum zwanzigsten Jahrhundert, war einmal das Verwaltungsgebäude einer Elektronikfirma. Neben dem Haus hat der Automobilbauer Audi eine Niederlassung, ein Kubus mit einer futuristisch silbernen Außenhaut. Die Europäische Zentralbank mit ihrem Glasturm, der sich ineinander verdreht in den Himmel schraubt, ist nicht weit. Noch näher ist die Metzgerei Gref-Völsings mit ihrem legendären Imbiss, in dem sich Krawattenträger und Bauarbeiter mittags auf die Füße treten und vor dem gerne mal ein Streifenwagen parkt, in zweiter Reihe, mit eingeschaltetem Warnblinker, auch Polizisten müssen essen.

Bei Ingo Kniepert gibt es jetzt etwas zu trinken. Er stellt im Besprechungszimmer kleine Flaschen auf den Tisch, mit einfachen Etiketten. „Wie schmeckt Kalamansi“, steht auf einem, „Wie schmeckt Yuzu“ auf einem anderen. Was in den Flaschen ist, haben die Öcotrophologen und Getränketechniker im Labor nebenan zusammengemischt, Calamansi-Saft mit Ingwer zum Beispiel oder Yuzu-Saft mit Brombeeren. „So präsentieren wir möglichen Kunden, was man mit unserem Obst machen kann“, sagt Kniepert.

Dass er Drachenfrüchte liebt und Pinke Guaven, die Früchte des Cupuaçu-Baumes („schmecken cremig und ein bisschen wie Litschi“) und den Cashew-Apfel, die Scheinfrucht des Cashew-Baumes, die sich zu Saft und Sirup verarbeiten lässt, ist Kniepert in die Wiege gelegt worden. Sein Großvater hat in den zwanziger Jahren mit Kaffee gehandelt, in New York, dann in Kolumbien.

„Wir dachten, wir werden schnell reich“

Kniepert ist in Mexiko geboren und in Brasilien aufgewachsen, wo es, wie er sagt, an jeder Straßenecke andere Früchte zu essen, andere Fruchtsäfte zu trinken gibt. Kniepert liebt das Land, in dem er lange gelebt hat. „Wenn ich heute nach São Paulo komme, mache ich im Hotelzimmer erst mal das Fenster ganz weit auf.“ Was andere vielleicht Lärm nennen, auch Gestank, ist für ihn einfach die Atmosphäre einer Metropole mit fast zwölf Millionen Einwohnern. Einen großen Teil seiner Schulzeit hat der blonde Anfangsvierziger in Brasilien verbracht, bevor er mit den Eltern in die Nähe von Frankfurt zog. Im Taunus machte er eine Ausbildung, arbeitete in der väterlichen Handelsfirma für chemische Produkte. Später nahm er an der Akademie für Welthandel ein berufsbegleitendes Studium auf, und 2002 wagte er, mit einem Partner, sich selbständig zu machen. „Die Idee war, Obst, das in unseren Breitengraden nicht wächst, zu importieren und dabei den Fokus auf natürliche Produkte zu legen“, erzählt er.

Mit ganzen Früchten allerdings wollte er nie handeln, zu aufwendig. Was Tropextrakt ins Sortiment nimmt, wird dort, wo es wächst, gepresst und gefroren, zu Pulver, Extrakt oder Aromen verarbeitet. Das belässt einen Teil der Wertschöpfung im Ursprungsland, ein Aspekt, der Kniepert wichtig ist, und macht außerdem die Ware leichter handhabbar. In Fässern oder zu Blöcken gepresst, wird sie per Flugzeug nach Frankfurt und von dort aus zur Weiterverteilung in ein Lager nach Kelsterbach gebracht oder per Schiff nach Rotterdam. Hat er einen großen Auftrag, liefert Kniepert ein paar hundert Tonnen, ist es ein kleiner, sind es auch mal 20 Kilogramm.

Interessante Produkte, eine gute Idee, wie sie an den Mann zu bringen seien, Konzentration auf Premiumware, jede Menge Energie und Kraft, das muss doch funktionieren: „Wir dachten, wir werden schnell reich“, sagt Kniepert mit schöner Selbstironie, aber erst einmal kam es anders, auch, weil die Lebensmittelbranche, wie die Neulinge feststellen mussten, viele Sensibilitäten hat. „Es läuft alles über Vertrauen, und das muss man sich erst einmal aufbauen.“ Und seine Firmenpolitik auf die Bedürfnisse einer Industrie ausrichten, die mit vielen Zulieferern arbeitet und in der juristische Verantwortung so weit nach hinten geschoben wird, bis sie bei dem ist, der als Letzter in der Kette steht. „Die Ansprüche an Transparenz und Nachverfolgbarkeit sind unwahrscheinlich gewachsen“, sagt Kniepert.

„Es wird alles immer komplizierter“

Tropextrakt hat heute Kunden in 24 Ländern und beschäftigt zehn Mitarbeiter, davon drei in einer Tochtergesellschaft in Polen. Das Unternehmen, das, wenn es Ware aus Nicht-EU-Ländern einführt, rechtlich als Hersteller gilt, hat eine eigene Qualitätssicherung, mit anderthalb Stellen. „Noch vor zwei, drei Jahren wäre es undenkbar gewesen, dass wir als Importeure Qualitätssicherung betreiben.“ Heute geschehe das im eigenen Interesse wie als Service für den Kunden. Jede Charge wird kontrolliert, auch Bio-Ware, demnächst will die Tropextrakt ihre Arbeit nach der ISO-Normenreihe zertifizieren lassen. „Es wird alles immer komplizierter“, sagt Kniepert, und dass das gut sei für kleine Nischenanbieter wie ihn. „Wenn es einfach wäre, könnten die großen Firmen es selbst machen.“

Die großen Firmen, von denen Kniepert sprich, das sind die Riesen der Nahrungsmittelindustrie, auch ein börsennotiertes Unternehmen wie Symrise in Holzminden. Der Anbieter von Duftstoffen, Geschmacksstoffen und Wirkstoffen für Kosmetika und Lebensmittel ist für Tropextrakt ein Konkurrent, zugleich ist er bei den Frankfurtern Kunde. Dann zum Beispiel, wenn für die Weiterverarbeitung in Zahnpasta oder Cremes oder anderem natürliche Substanzen gebraucht werden, die nur Kniepert im Sortiment hat. Knapp drei Millionen Euro hat Tropextrakt im vergangenen Jahr umgesetzt, für dieses Jahr rechnet der Inhaber mit 3,4 Millionen.

Ein neuer Rewe-Markt am Rande Frankfurts: das Obst indirekt beleuchtet, die Porreestangen von oben feucht benebelt. Beim Gemüse, im sogenannten Frischeregal, eine Batterie von Smoothies, bei den Milchprodukten Auswahl, dass einem schwindelig wird. Die Spur zu Tropextrakt lässt sich lesen beim Drink aus Apfel, Banane, Vanille und Cupuaçu, beim Joghurt mit Mango und Yuzu-Saft. Rund vier Jahre dauere es im Durchschnitt von der ersten Besprechung bis zum Erscheinen eines Produktes auf dem Markt, sagt Kniepert. Oft nur ein paar Wochen sind es hingegen in einem Bereich, in dem sich die Firma ebenfalls bewegt, es ist das weite Feld der Brausegetränke in der Nach-Bionade-Ära. Immer mehr Marken erscheinen dort, oft ins Leben gerufen von Quereinsteigern, sie heißen Fritz Kola oder Lemonaid oder Hofgarten oder Drinking Ape, was das Label eines in Frankfurt lebenden Luxemburgers mit syrischen Wurzeln ist, der unter anderem Lakritz-Sprudel anbietet.

Es gibt Leute, die haben einen Geschmack im Kopf, eher süß oder eher herb, und eine Idee, wie die Flaschen aussehen könnten, in die sie ihn abfüllen lassen wollen, aber sie haben keine Firma, keinen Zugang zu Waren. Sie können bei Tropextrakt anrufen, und wenn sie ein paar tausend Euro auf den Tisch legen, mischen ihnen die Getränkeexperten an der Hanauer Landstraße so lange etwas zusammen, bis es ihnen schmeckt. Sie bekommen die Rechte am Rezept, ein Etikett, das dem Lebensmittelrecht genügt, und auf Wunsch auch Hilfe bei der Suche nach einem Abfüller. Verkaufen müssen sie das Getränk dann selbst.

Tonic a la Kniepert Sieht aus wie eine Mischung aus Zitrone und Orange, hat hellgelbes Fruchtfleisch und wenig, sehr sauren und dabei sehr aromatischen Saft, von dem ein paar Tropfen genügen, eine Speise oder ein Getränk zu würzen. Vor ein paar Jahren hat Ingo Kniepert die Yuzu entdeckt, eine japanische Frucht, die inzwischen in etlichen Getränken, Joghurts, Marmeladen vorkommt. Auch viele Spitzenköche schätzen die Yuzu. Seit vergangenem Jahr gibt es ein Tonicwasser mit Yuzu, es heißt Qyuzu und ist die Premiere von Knieperts Firma Tropextrakt als Anbieter eines eigenen Getränks: Qyuzu schmeckt hervorragend mit nicht-wacholderdominanten Gins, auch in einer Mischung mit Rosé-Sekt und Cassis. jv.

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